Hallo, ich bin Charlotte und habe 2024/25 ein Jahr lang im Rahmen meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes im Anidaso Haus gelebt und gearbeitet.
Ich durfte viele neue und unvergessliche Erfahrungen in dieser Zeit sammeln.
Schon bei meiner Ankunft in Ghana im August 2024 wurde mir bewusst, wie besonders die kommenden Monate werden würden.
Direkt auf dem Weg vom Flughafen machten wir einen Zwischenstopp in Ashaiman, einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt. Dort fand ein Teil der Beerdigungsfeier von Nuertey Cudjoe, dem Vater meines Gastvaters und Heimleiters, statt. Hier habe ich bereits das quirlige und lebhafte Leben der Stadt kennenlernen dürfen, aber auch die Herzlichkeit der Menschen. Ich erinnere mich noch an den Moment, als meine Gastmutter dort mit offenen Armen auf mich zulief und sagte “I will be your mother here in Ghana”.
Und so war es dann auch. Diese familiäre Art hat mir geholfen mich schnell im Anidaso Haus wohlzufühlen.
Zu Beginn haben meine Mitfreiwillige Emma und ich uns nach und nach an unsere Aufgaben im Haus gewöhnt. Meine Hauptaufgaben bezogen sich morgens auf das Betreuen der Kinder vor der Schule, nach der Schule mit den Hausaufgaben und abends über Studies, also Übungsaufgaben und Wiederholungen, bis zum Schlafengehen.
Von Anfang an habe ich mich um die drei jüngsten Jungs im Alter von sieben bis zehn Jahren gekümmert. Morgens habe ich sie um 5:30 Uhr aufgeweckt und ihnen geholfen, sich für die Schule fertig zu machen. Jedes Kind hatte nach dem Aufstehen eine Aufgabe zu erledigen. Meine Jungs haben sich zum Beispiel um das Müll aufsammeln oder das Reinigen der Wasserstelle draußen gekümmert.
Danach wurden Zähne geputzt, geduscht, angezogen und zur Schule gegangen.
Von etwa 7:00 Uhr bis 15:00 Uhr hatte ich frei. Nach Schulschluss habe ich die Kinder wieder abgeholt, ihnen bei den Hausaufgaben geholfen und den Nachmittag mit ihnen verbracht. Nach dem gemeinsamen Abendessen habe ich mit ihnen die Studies gemacht, bis ich sie um 20:30 Uhr ins Bett gebracht habe.
Mit der Zeit bin ich immer mehr in die Routinen hineingewachsen. Gleichzeitig hatte ich noch genügend Freiraum, um die Betreuung der Kinder selbst zu gestalten.
Das habe ich besonders in der Zeit abends vor dem Schlafengehen mit den Jungs genutzt.
Ich habe beispielsweise erst gemeinsam mit ihnen die Zähne geputzt, was uns allen viel mehr Spaß bereitete. Dann haben wir oft noch gemeinsam am Bett gesessen und etwas gelesen oder vom Tag erzählt. Später bin ich gerne bei ihnen geblieben, bis sie eingeschlafen sind. Die Zeit abends war persönlicher und intensiver als am Tag, was meine Beziehung mit den Jungs noch mal gestärkt hat.
Und natürlich gab es auch stressigere Abende, an denen es nicht so ruhig verlief und spät wurde, weil es zum Beispiel Aufreger gab, wenn die Socken für den nächsten Tag verschwunden waren.
Besonders in der Freizeit der Kinder habe ich gerne Zeit mit ihnen verbracht. Wir haben oft Karten, das beliebte Hüpfspiel „Ampe” gespielt oder gemalt. Zusammen mit den Mädels haben wir Tänze eingeübt oder uns ab und zu verkleidet und geschminkt. Die Jungs haben oft ihr Spielzeug selbst gebaut, Fußball oder Badminton gespielt und sind Fahrrad gefahren. Auch Ausflüge, wie zum Beispiel ins Kino in Accra, zu einem Pool, auf den Markt oder in das Ferienhaus, haben wir gemacht. Hier wurde mir immer bewusst, dass die Ausflüge für die Kinder etwas Besonderes waren. Die Vorfreude war riesig. Sie haben schon Tage vorher darüber gesprochen und dann ihre schicke „Ausgehkleidung” rausgeholt.
Gleichzeitig habe ich schnell gemerkt, dass eine Freiwillige in einem Kinderheim zu sein, mehr bedeutet.
Ich wurde schnell zur kleinen Handwerkerin, wenn mal wieder ein Schuh oder ein Schulrucksack der Kinder kaputt gegangen ist, zur Babysitterin der kleinen Neugeborenen oder zur Seelsorgerin, wenn mal gestritten wurde. Aber genau das habe ich sehr genossen und es hat das Gefühl, Teil der Anidaso Familie zu sein, gestärkt.
Außerdem ist einer unserer älteren Jungs für die Universität ausgezogen, der sonst unsere kleine Bibliothek geleitet hat. Seitdem übernahm ich mit Emma die Bibliothek. Ich fand das persönlich schön, da wir dadurch noch vielfältiger mit den Kindern in Kontakt kamen und man die Lesefortschritte der Kinder beobachten konnte. So haben wir die Bücher pro Person dokumentiert, für Ordnung in der Bibliothek gesorgt und am Ende eines Monats dem Kind, welches am meisten gelesen hatte, einen kleinen Preis verliehen.
Außerdem habe ich gerne die Schulen der Kinder besucht, was mir einen guten Einblick in den Schulalltag gegeben hat.
Ich war dabei, als SchülerInnen ihre Klausuren geschrieben haben und habe erlebt, wie Kinder wegen nicht ausreichender Leistung oder störendem Verhalten mit Schlägen bestraft wurden. Hier bekam ich einen Eindruck davon, wie körperliche Bestrafung, insbesondere das Schlagen mit einem Stock, eingesetzt wird, was mich schockiert hat, da ich das aus Deutschland nicht kannte. Dabei wurde mir deutlich, dass der Umgang damit unterschiedlich ist und die Bestrafung für manche Kinder nicht nur kurzfristige, sondern auch länger anhaltende körperliche und psychische Folgen hat.
Außerdem hatte ich die Gelegenheit den letzten Schultag vor den Ferien, der hier „our day“ genannt wird, mitzuerleben und zu sehen, wie der Abschluss der Abschlussklassen gefeiert wurde.
Mich hat der Aufenthalt dort nicht nur zum Nachdenken über die Erziehungs- und Lehrmethoden angeregt, sondern auch dazu inspiriert, Plakate als Lernhilfen, zum Beispiel mit dem ABC, Zahlen, Zeiten und Motivationssprüchen, für unseren Studyroom im Anidaso Haus zu gestalten.
Da vieles, wie beispielsweise das Essen, das Waschen, der Verkehr oder alltägliche Gewohnheiten, ganz anders war, als ich es aus Deutschland kannte, konnte ich in meiner Zeit in Ghana sehr viel dazulernen. Mir wurde beigebracht, wie man statt mit einer Waschmaschine seine Wäsche mit zwei Schalen voll Wasser, Seife und seinen Händen wäscht.
Zudem habe ich gelernt, wie man vernünftig mit der rechten Hand isst, ghanaische Gerichte kocht und was das Zusammenleben in einem Kinderheim bedeutet. Außerdem wurde mir mit der Zeit immer bewusster, welche Werte den Alltag in Ghana prägen. Besonders Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und Dankbarkeit waren von großer Bedeutung im Zusammenleben, was mich sehr begeisterte. Dadurch hat sich meine Sicht auf viele Dinge, wie Komfort, Sicherheit und Gemeinschaft verändert.
Außerdem gefallen mir das leckere Essen, die warmen Temperaturen und die Musik sehr. Besonders beeindruckte mich, wenn im Haus so gerne und aus Leidenschaft mit einer Leichtigkeit getanzt und gesungen wurde. Das zeigte sich nicht nur auf Festen, wie der Taufe des Babys oder der Beerdigung, sondern auch abends, wenn die Aufgaben erledigt waren, oder schon morgens beim Fertigmachen der Jungs unter der Dusche. Im ersten Monat meines Aufenthalts fanden in der Kirche die „children days“ statt. Dafür hatten wir mit den Kindern schon Wochen vorher Sing-, Tanz- und Bibelversaufführungen gemeinsam geprobt, bis zu einem gemeinsamen Auftritt. Dieses leidenschaftliche Teilnehmen an den „children days“, aber auch generell die Stimmung in der Kirche, hat mich sehr begeistert, weshalb ich oft mit zur Messe gegangen bin, obwohl ich nur wenig Worte verstanden habe.
Im Februar 2026 war ich wieder in Ghana zu Besuch und bin direkt in den Alltag der Anidaso Familie eingetaucht. Es war fast so, als wäre ich gar nicht weg gewesen.
In der Zeit habe ich mich viel mit den beiden aktuellen Freiwilligen Karlotta und Milena ausgetauscht und Urlaub in Winneba am Strand gemacht. Zu der Zeit war auch eine Delegation des Anidaso Ghana Vereins in Ghana zu Besuch, mit der wir gemeinsam Ausflüge gemacht haben und ich noch weitere Projekte und die Anidaso-Geschichte besser kennenlernen konnte.
Zurück in Deutschland haben für mich die Musik und das Gemeinschaftliche weiterhin einen hohen Stellenwert. Ich nähe gelegentlich mit den mitgebrachten ghanaischen Stoffen, lerne weiter die Sprache Twi und halte Kontakt zu den Freiwilligen, die vor und nach mir im Anidaso Haus gelebt haben. Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen aus oder kochen gemeinsam ghanaisches Essen.
So blicke ich heute mit einem Lächeln auf eine Zeit voller besonderer Begegnungen, wertvoller Erfahrungen und neuer Erkenntnisse zurück!
Einige Fotos zum Bericht finden Sie unter "Über uns", "Bildergalerien".
Zur Webseite des Eine Welt Netz NRW e.V.
April 2018
Hallo, ich bin Sina aus Soest und seit einem Monat lebe ich im Anidaso House. Dieses Haus wurde nur von Spendengeldern aus Europa vom Verein Anidaso Ghana e. V. im März 2016 offiziell eröffnet. Dabei handelt es sich um ein Kinderheim in Dawhenya, Ghana, wo ich insgesamt ein halbes Jahr verbringen werde.
Es ist allerdings kein typisches Waisenhaus, sondern eine große Familie. Alle Kinder (Waisen, Halbwaisen, Straßenkinder) gehen zur Schule und bleiben im Anidaso House, bis sie ihre Ausbildung bzw. ihr Studium abgeschlossen haben.
Ashaiman, der Ort, wo viele der Kinder ursprünglich herkommen, ist ein sozialer Brennpunkt Accras. Ashaiman liegt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur etwa 45 Minuten entfernt.
Meine Aufgaben hier beziehen sich zum Großteil auf die Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe aller Schulkinder, welche zwischen 5 und 16 Jahre alt sind. Aber ich bin auch für das Wecken der Kinder und Fertigmachen zur Schule verantwortlich.
Die Kinder sind von Anfang an sehr offen gewesen und haben mich sofort überall mit einbezogen, sodass meine Angst, vielleicht nicht gemocht zu werden, in dem Moment verflogen war, als ich zum ersten Mal das Haus betreten habe: Viele Kinder hatten mir zur Begrüßung Bilder gemalt und wollten mit mir meine Koffer auspacken.
Im Anidaso House gibt keine Angestellten, jedes Kind hat jeden Tag bestimmte Aufgaben zu erfüllen: das älteste Mädchen ist immer für das Essenkochen verantwortlich, die jüngeren Mädchen und Jungen wechseln sich mit Spülen ab und die älteren Jungen wischen den Boden und schlachten Hühner. Auch ihre Wäsche waschen die Kinder selbst, natürlich mit der Hand.
Anfang April kamen noch drei Besucher aus Deutschland ins Anidaso House. Ein- bis zweimal im Jahr kommt jemand vom Verein Anidaso, um vor Ort die notwendigen Dinge zu klären und den Alltag mit der Anidaso-Familie zu verbringen. Dann sind auch immer Ausflüge angesagt, die von Freunden und Bekannten der Vorstandsmitglieder finanziert werden.
Am 14. April sind wir gemeinschaftlich zuerst zu Decathlon gefahren, einem Sportcenter, um für die anstehende Regenzeit wasserdichte Jacken zu bestellen, denn in der Regenzeit gießt es wie aus Kübeln. Es war ein wahres Erlebnis, überhaupt erst einmal mit allen dorthin zu kommen. Es wurde ein sogenanntes Trotro bestellt (Kleinbus mit etwa 14 Sitzplätzen), in welches wir uns mit ca. 25 Personen gestapelt haben. Jeder hatte dabei noch ein Kind auf dem Schoß. Das hört sich erst einmal gefährlich an, ist aber völlig normal in Ghana. Und natürlich musste die Djambe auch noch mit hinein, schließlich wollten wir auf dem Weg Musik machen.
Anschließend sind wir in die Marina Mall nach Accra gefahren. Das ist ein Einkaufszentrum, in dem es auch europäische Dinge gibt, z. B. Rolltreppen und Fahrstühle. Viele der Kinder hatten Angst, sich auf die Rolltreppe zu stellen, weil sie es nicht kannten.
Als wir schließlich alle oben angekommen waren, gab es Saft, Reis, Pizza und Eis. Ein zehnjähriges Anidaso-Mädchen hat mich dann gefragt, ob ich mit ihr durch die Mall ziehe, wobei ich schnell begriffen habe, dass sie sich kein bisschen für die Läden interessiert. Stattdessen sind wir mit dem Fahrstuhl nach unten, mit der Rolltreppe nach oben und mit dem Fahrstuhl wieder runter, einfach weil sie es lustig fand.
Am 22. April waren wir gemeinschaftlich zum Schwimmen in einem Hotel mit Pool in Prampram. Mit Hilfe von Schwimmwesten habe ich versucht, einigen das Schwimmen beizubringen, da in Ghana längst nicht jeder schwimmen kann. Es wurde gemeinschaftlich im Poolrestaurant gegessen: Fried Rice, Plain Rice und Jollof (auch ein Reis mit spezieller Sauce), Salat, Chicken.
Im Anidaso House wird generell immer mit allen zusammen gegessen, manches Mal sind auch Nachbarskinder dabei. Das gilt auch für die Hausaufgaben und Studies.
Da das Anidaso House für ghanaische Verhältnisse luxuriös ist mit seinem großen Grundstück, den vielen Zimmern und sogar Wlan, habe ich das ursprüngliche Haus in Ashaiman ebenfalls besucht. Hierbei handelt es sich um ein Haus mit Innenhof und mehreren winzigen dunklen Zimmern und wenig Platz für so viele Leute. Hier wohnte die Anidaso-Familie bis Januar 2016 in drei kleinen Zimmern. Eine Dusche, eine Toilette und ein Spülstein im Hof gab es auch schon.
Die Menschen in Ghana sind sehr aufgeschlossen und freundlich. Wenn ich zu der Nachbarin gehe, an deren Shop ich vorbei komme, wenn ich die kleinen Kinder zur Schule zum Bus bringe und wieder abhole, wird mir meistens sofort eine Mahlzeit angeboten. Das Essen ist manchmal zwar scharf, aber unglaublich lecker, mein Leibgericht ist Red Red, das sind frittierte Kochbananen mit Bohnensauce.
Auch außerhalb des Kinderheims fühle ich mich wohl. Die Ghanaer sind nicht besonders aufdringlich, selbst wenn man als Frau alleine unterwegs ist und die Heiratsanträge, die ich bis jetzt bekommen habe, konnte ich immer mit Humor nehmen, weil die Leute wirklich nett sind.
Auch sonst ist Ghana ein wunderschönes Land. Insbesondere der Norden gefällt mir gut mit den Lehmdörfern. Sogar Elefanten habe ich schon gesehen und den Wli Fall, den größten Wasserfall Westafrikas.
Am 26. April wurde eine Abschiedsparty gefeiert, weil der Besuch am nächsten Tag wieder nach Deutschland gereist ist. Dabei gab es Eis, Softdrinks und jede Menge ghanaische Musik, zu der wir getanzt haben. Die Kinder hier haben die Musik wirklich im Blut, sie können super tanzen und tun dies auch gerne.
© 2026 Anidaso Ghana e.V.